Und da war es passiert

Als ich heute morgen mein DigiRadio anschalten wollte, blieb es stumm. Lediglich die Mitteilung, meine monatlichen Gebühren seien nicht bezahlt, blinkte träge vom Display. Was, schon Monatsanfang?
Tatsächlich, der Kalender zeigte den 1. Juli 2007. Seit ich vor sechs Monaten meinen Job verloren hatte, konnte ich meine Radiogebühren nicht mehr zahlen, meine Mitgliedschaft war gestern abgelaufen. Seit 2006 waren Arbeitslose auf Drängen der Musikindustrie nicht mehr von den Mediengebühren befreit – man wollte auf die zusätzeliche Kundschaft von 12 Millionen einfach nicht verzichten. Verständlich, da die Umsätze immer weiter zurück gingen.

Dir Musikfans haben aufgegeben. TCPA-ausgestattete Computer blockieren heute zuverlässig alle nicht von der Unterhaltungsindustrie autorisierten Musik- und Filmdateien. Neue Musik und Filme werden nur noch auf technisch wirksam kopiergeschützten Medien herausgegeben. Mein Sohn ist ein guter Indikator:
Wenn selbst er keine neuen Spiele und Filme mehr nach Hause bringt, dann ist der Schutz des geistigen Eigentums wirklich wasserdicht.

Er ist merkwürdig gelassen damit umgegangen. Zuerst hat er sich alte CDs von mir geliehen, als dann aber user CD-Spieler kaputt ging, war es damit vorbei. Spieler für ungeschützte CDs werden nicht mehr hergestellt, und bei Ebay sind sie unbezahlbar geworden. Mein Sohn spielt jetzt Fußball, und ich schaue ihm gerne zu – er ist talentiert; leider darf ich seine Tore nicht aufnehmen, da das Recht an jeder Art Fußballdarstellung vom DFB an den Veltinskonzern verkauft wurde.

Überreaschen war für mich nur folgendes: Seit der Compouter durch die immer stärkeren Einschränkungen nutzlos für mich geworden ist und ich die Mediengebühren nicht mehr bezahlen kann, macht mir das Leben eingentlich mehr Spaß als vorher. Ich gehe wandern – ich habe 10 Kilo abgenommen und mein Arzt sagt, er sei sehr zufrieden mit meiner verbesserten Gesundheit (das ist auch gut so, denn dieses Jahr kann ich mir einen weiteren Besuch bei ihm nicht leisten). Ich baue mein Gemüse selbst an, töpfere und stelle Holzspielzeug her. Ich hätte nicht gedacht, daß ich künstlerisch begabt bin!

Neulich war ein Marktforscher bei mir, der mich fragte, wie ich denn die neue Numer Eins finden würde, Grazia Bee, die Queen des R’n’B aus Buxtehude. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Er wurde ärgerlich, schließlich sei sie doch überall zu sehen und zu hören, im Fernsehen und im Radio, und wenn ich das nicht habe, meinte er süffisant – Grazia Bee’s Hitalbum sei das populärste Opfer der immer weiter um sich greifenden Raubkopiererei. Ich hätte doch Kinder, da würde ich den song doch sicher kennen – Kinder klauen schließlich alle.

Da wußte ich, daß er log. Wenn mein Sohn nichts nach Hause bringt, dann weil es nichts mehr gibt. Es ist nicht mehr möglich, irgendwelche Musik zu kopieren und im Netz zu verteilen. Aber sie behaupten es immer noch. Ich konnte den Kerl leider nicht herauswerfen, weil ich nicht als Konsumverweigerer und Raubkopierer in der Allgeimenen Terroristendatei landen wollte (der Name der Datei war etwas veraltet, urprünglich war sie zum Speichern aller Informationen über mutmaßliche Terroristen angelegt worden, dann aber auf alle Bürger erweitert worden, die nicht Politiker oder Wirtschftsführer waren und daher unter „erweitertem Anfangsverdacht“ des Terrorismus standen).

Aber als ich ihn überzeugen konnte, daß in meinem ganzen Haus kein informationsverarbeitendes Gerät (außer dem seit heute morgen unbrauchbaren DigiRadio) stand, zog er kopfschüttelnd wieder ab und stieg in seine Rikscha.

Er mußte sie selber treten. Auch bei denen sparen sie also schon, dachte ich, während ich zusah, wie er die Straße herunter fuhr, vorbei an stillgelegten Omnibussen und leeren, ausgeplünderten Geschäftszeilen.

Einn bißchen tat er mir leid. Er war es ja nun wirklich nicht schuld, daß es so weit mit unserem Land gekommen war. Oder?

[Aus dem heise-Forum]

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